Christian August Nagel – Eine Kurzbiographie

2.2. Nagel als Wissenschaftler und Forscher

In Nagels Wirken an der Bildungseinrichtung waren Lehre und Wissenschaft stets eng mit derPraxis verbunden. Prüfungen und Übungen beinhalteten aktuelle Aufgaben.Beispielsweise wurde im Herbst 1870 von den Studierenden der Ingenieurabteilung ein trigonometrisches Netz zwischen Dresden und Mockritz bearbeitet. Die dazugehörigeAufgabenstellung hatte Nagel aus seiner jahrelangen Tätigkeit in der Gradmessungskommission abgeleitet.
1854, also zwei Jahre vor Gründung des Vereins Deutscher Ingenieure, rief Nagel den Verein der praktischen Geometer im Königreich Sachsen ins Leben. Das Ziel diesesVereins war vor allem die Weiterbildung der geprüften Geodäten.
Den Namen Nagel verbindet der Geodät wohl zuerst mit dem Sächsischen Dreiecksnetz, das in mühevoller Arbeit – ohne die heute verfügbaren Hilfsmittel, wie EDV-Anlagenund elektronische Streckenmeßgeräte mit großer Genauigkeit geschaffen wurde. Diesen Teil seines Lebenswerkes begann Christian August Nagel 1862. Zusammen mit Prof.Bruhns aus Leipzig und Dr. Weisbach aus Freiberg wurde er am 4. Februar des Jahres zum Kommissar für die Mitteleuropäische Gradmessung, die später zur InternationalenErdmessung erweitert wurde, ernannt.
Eine ausführliche Betrachtung dieser Arbeiten würde den gegebenen Rahmen sprengen, sodass nur in aller Kürze auf einige dem Autor wesentlich erscheinende Fakteneingegangen wird: Persönlich erkundete Nagel die Netzpunkte der I. und II. Ordnung. Für die Errichtungder Beobachtungspfeiler stellte er 14 Grundsätze zusammen, derenerster die stabile Errichtung aus Stein beinhaltet, um “sie auch für spätere Zeiten nutzbar zu machen, …” [13]. Wie vom Astronomen Argelander vorgeschlagen, wurden dieBeobachtungen von einer Person und mit nur einem Instrument vorgenommen: auf den PunktenI. Ordnung von Nagel selber, auf den PunktenII. Ordnung von seinem.Assistenten Uhlich. 12743 Beobachtungen gingen in die Berechnung des Netzes ein. Als erster von allen Kommissaren beendete Nagel die Messungen, die, wie ein spätererVergleich zeigte, die höchste Genauigkeit von allen hatten. Mit dieser Arbeit hat er “ein in jeder Hinsicht mustergültiges Werk geschaffen, das heute – nach mehr als 100Jahren – trotz der großen Fortschritte in der geodätischen Messtechnik bezüglich Genauigkeit und Stabilität der Festpunkte noch zu den besten der Welt gehört” [14].
Seit dem 12. März 1858 arbeitete Nagel als Mitglied in der ” Köngl. Sächsischen Normalaichungs-Commission”, zu deren Vorsitzenden er 1887, also 9 Jahre nach Einführungdes metrischen Systems in Deutschland, ernannt wurde. Seit 1862, dem Jahr seiner Ernennung zum Kommissar der Mitteleuropäischen Gradmessung, gehörte er ebenfallsder “Köngl. Sächsischen Kommission der Staatsprüfungen der Techniker” an.
Fünf Jahre vor seiner Emeritierung wurde er zum Direktor des Mathematisch-Physikalischen Salons in Dresden ernannt. Auch in dieser Funktion, die er wie die oben genanntenneben seiner Lehrtätigkeit ausübte, förderte er den wissenschaftlich-technischen Fortschritt: Am 13. Mai 1889 wird vom Zwinger zum heutigen Hauptbahnhof eineTelegraphenverbindung hergestellt, um für die Eisenbahn die astronomisch bestimmte Zeit durchgehen zu können. Im “Dresdner Anzeiger” wird bemerkt,dass durch dieVerbindung “der Direction des köngl. mathematischen Salons mit der Professur für Geodäsie … der getroffenen Einrichtung auch für die Zukunft ein erfreulicher Bestandgesichert worden” ist [15].

2.3. Nagels literarisches Schaffen

Im engen Zusammenhang mit Nagels Wirken als Lehrer und Wissenschaftler müssen auch seine Veröffentlichungen betrachtetwerden. Da er nach dem Tode von Bruhnsalle dessen Ergebnisse aus den Gradmessungsarbeiten für Veröffentlichungen bearbeitete, hatte er nicht die Zeit, umfangreiche Lehrbücher wie mancher seiner Zeitgenossenzu schreiben.So veröffentlichte er über 30 Artikel in Zeitschriften, zwei Vorträge und bearbeitete den astronomischen Kalender. Hervorzuheben sind seinefünf Bücher: Die vierBände über die astronomisch – geodätischen Arbeiten für die europäische Gradmessung im Königreich Sachsen und eine Denkschrift mit Vorschlägen für eine rationelle Landesvermessung. In diesem Werk mit dem Titel “Die Vermessungen im Königreiche Sachsen” sind Nagels großepraktische Erfahrungen mit weitblickenden ökonomischen Überlegungen gepaart. “Das Studium dieser über 100 Jahre alten Denkschrift ist heute noch allen Fachkundigenzu empfehlen, die an modernen Landesvermessungen einschließlich der kartographischen Darstellung arbeiten” [14].

3. Nagels Auszeichnungen und Ehrungen

Ausdruck der Wertschätzung der Arbeit Nagels sind, neben der Ernennung zum Professor am 8. März 1858, die Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klasse im Jahre 1872 sowiezweier weiterer Orden nach seiner Emeritierung. Mit diesen Auszeichnungen wurden sowohl seine Tätigkeit an der Technischen Hochschule wie auch sein Wirken in derEichungskommission gewürdigt. Am 18. Dezember 1890 erhielt er für seine Verdienste um dieGradmessungsarbeiten das “Comthurkreuz II. Klasse des Albrechtsordens”.Besondere Anerkennung dürfte die Ernennung zum “Regierungsrath” 1874 und die zehn Jahre spätere zum “Geheimen Regierungsrath” ausdrücken.Über “Die Abschiedsfeier für Geheimen Regierungsrath Prof. Nagel am 12. Juli 1893″ berichtete der “Dresdner Anzeiger”, Nr. 206, des gleichen Jahres auf drei Seiten.Seinem 80. Geburtstag ist das ganze Heft Nr. 22 der “Zeitschrift für Vermessungswesen”des Jahres 1901 gewidmet.Am 23. Oktober 1903 im Alter von 82 Jahren, starb Christian August Nagel nach einem schweren Leiden. Sein Grab, das sich auf dem “Alten Annenfriedhof ” in Dresdenbefindet, wird heute von den Studenten der Sektion Geodäsie und Kartographie der TU Dresden gepflegt.

Literatur:

[1] Gerke, R.: Feier des 80. Geburtsfestes des Herrn Geheimen Regierungsraths August Nagel. – Z. Vermess.-Wesen, Stuttgart 30 (1901) 22, S.590.
[2] Christian August Nagel A. – Z. Vermess.-Wesen, Stuttgart 32 (1903) 23, S.657.
[3] Programm zu den öffentlichen Prüfungen am 23., 25., 26., und 27. März 1850 der Schüler der Technischen Bildungsanstalt und der Baugewerbeschule. Universitätsarchivder Techn. Univ. Dresden, Sammlung XXVII/ Bestand Nr. 29, Dresden (o. J.), S. 29.
[4] Gerke, R.: siehe [1], S. 604.
[5] Peschel, H.: Das Geodätische Institut. In: 125 Jahre Technische Hochschule Dresden, Festschrift. – Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften 1953, S. 117.
[6] Autorenkollektiv, Geschichte der Technischen Universität Dresden 1828-1978. Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften 1978, S. 69.
[7] Hülsse, J.A.: Die Königliche polytechnische Schule (Technische Bildungsanstalt) zu Dresden während der ersten 25 Jahre ihres Wirkens. Dresden: 1853, S. 13.Universitätsarchiv der Techn. Univ. Dresden, Sammlung XXVII/Bestand Nr. 1.
[8] Gerke, R.: siehe [1], S. 610.
[9] Universitätsarchiv der Techn. Univ. Dresden. Professorenkatalog 2, Bl. 37, S. 74ff.
[10] Bericht über die Königl. Sächs. Technische Hochschule zu Dresden 1890/91. Universitätsarchiv der Techn. Universität Dresden, Sammlung XXVII / Bestand Nr. 13.
[11] Bericht über die Königl. Sächs. Technische Hochschule zu Dresden 1892/93. Universitätsarchiv der Techn. Univ. Dresden, Sammlung XXVII/Bestand Nr. 13.
[12] Bericht der Königl. Sächs. Technischen Hochschule zu Dresden 1893/94. Universitätsarchiv der Techn. Univ. Dresden, Sammlung XXVII/Bestand Nr. 13.
[13] Nagel, Ch. A.: Astronomisch-Geodätische Arbeiten für die Europäische Gradmessung im Königreiche Sachsen. 11. Abtheilung: Das Trigonometrische Netz. Berlin: Stankiewiez Buchdruckerei 1890, S. 3.
[14] Peschel, H.: 150 Jahre Technische Universität Dresden – 150 Jahre Geodäsie in Lehre und Forschung, 1. Die Zeit 1828-1893. Vermessungstechnik, Berlin 26 (1979) 6,S. 181-184.
[15] Acta des Königl. Mathematischen Salons, Dresden 1889/90, S. 63.
[16] Verzeichnis der Vorlesungen und Übungen Sommersemester 1892 -Sommersemester 1899. Universitätsarchiv der Techn. Univ. Dresden, Sammlung VI-V5.